Wir denken in einem zu engen Lösungsraum
Günther Thallinger
Günther Thallinger: Mich treibt die Frage um: Können wir ohne Nachhaltigkeit wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben? Oder allgemeiner: Können wir ohne Nachhaltigkeit weiterhin Wohlstand gewährleisten? Vor allem global gesehen muss ein Minimum an Wohlstand und damit Wirtschaftserfolg das Ziel sein.
Und ökologische Grenzen dürfen dabei nicht überschritten werden. Aktuell erreichen wir das Minimum aber für viele nicht, und wir überschreiten sechs von neun ökologischen Grenzen.
Thallinger: Als Versicherer müssen wir transparent machen, wo Risiken infolge der Erderwärmung besonders hoch sind. Dann können sich die Menschen gezielter davor schützen. Dank besserer Prävention und Brandbekämpfung lassen sich heute viele Feuer schneller eindämmen. Aktuelle Daten zeigen, dass Schäden durch Waldbrände in den letzten zehn Jahren deutlich höher waren als während der zehn Jahre davor.
Weite Teile der Welt, auch Europa, werden weiterhin stark durch Waldbrände gefährdet sein. Deshalb müssen wir neben dem Fokus auf Prävention auch neue Versicherungsprodukte und Dienstleistungen für das Risikomanagement anbieten.
Thallinger: Wenn wir uns den Risiken besser anpassen, dann werden wir mit entsprechenden Preisen eine Versicherbarkeit aufrechterhalten können. Steigt aber das Volumen an Risiken insgesamt an, dann stoßen wir an Grenzen.
Versicherbarkeit setzt die Möglichkeit voraus, Risiken über Schutzaspekte und Regionen hinweg zu diversifizieren und untereinander auszugleichen. Wenn aber die Folgen des Klimawandels zunehmend mehr Lebensbereiche, Landstriche und Branchen betreffen, dann schwindet diese Möglichkeit. Dann haben wir ein systemisches Risiko in der Gesellschaft, und Versicherbarkeit wird schwierig.
Thallinger: Nein, nicht das gesamte Wirtschaftssystem, aber Teile davon schon - und irgendwann kann es als Ganzes herausgefordert sein. Genau das meine ich, wenn ich vom Zusammenhang zwischen Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und Nachhaltigkeit spreche.
Der Weltklimarat kommuniziert unmissverständlich, dass sich die Klimaveränderungen beschleunigen und deshalb extreme Wetterereignisse häufen werden. Wenn es uns nicht gelingt, diese Entwicklung umzukehren, dann wächst die Herausforderung und übersteigt schließlich unsere Möglichkeiten.
Wir müssen umso intensiver an der drastischen Verminderung unseres Treibhausgasausstoßes und der Anpassung an Risiken arbeiten.
Thallinger: Zweitens ignorieren wir Informationen und verengen so unseren Blick. In Europa gehören Nachhaltigkeitsaspekte mittlerweile für viele Unternehmen zu den öffentlichen Berichtspflichten, aber nicht für alle.
In anderen Teilen der Welt beschränken sich die Berichtspflichten weiterhin nur auf die Finanzdaten. Durch diese Verzerrung können zum Beispiel Risiken für die Böden oder den Wasserhaushalt unterschätzt werden, also Ressourcen, die auch die Produktionslinien sehr vieler Unternehmen betreffen.
Dadurch können Investitionen unterbleiben. Drittens fehlt Verantwortung: Wir haben es mit Problemen zu tun, die nicht nur regionale, sondern auch internationale oder gar globale Auswirkungen haben. Politische Verantwortung wird aber von Gemeinden, Ländern und Staaten getragen, unternehmerische Verantwortung eben vom Unternehmen. All das zeigt: Wir müssen den Lösungsraum in allen drei Dimensionen - Zeit, Information, Verantwortung - deutlich erweitern.
Thallinger: Unternehmen sollten langfristige Transformationspläne aufsetzen, und in der Politik sind Leitbilder wichtig: Wie sieht unser Energiemarkt im Jahr 2035 aus? Wie der Transportsektor? Wie die Wasserversorgung, die Wasserhaushalte? In diesen langfristigen Plänen kann die volle verfügbare Informationsgrundlage genutzt werden.
Erst wenn wir zum Beispiel eine CO₂-Bepreisung in die Kapitalmärkte einführen, können Kredite und Investitionen entsprechend klimaschonend optimiert werden. Deshalb ist es so wichtig, dass der europäische Emissionshandel ambitioniert bleibt.
Thallinger: Wir arbeiten auf vielen Plattformen sehr konkret an der wirtschaftlichen Transformation. Ein Beispiel ist die Net Zero Asset Owner Alliance, die 2019 von den Vereinten Nationen einberufen wurde. Mittlerweile haben sich rund 85 institutionelle Anleger dieser Initiative angeschlossen.
Sie haben sich klare Klimaziele gesetzt und wirken auf die Unternehmen, in die sie investieren, unterstützend ein, damit sie gemäß dem Pariser Klimaschutzabkommen bei ihren Emissionen bis 2050 auf netto Null kommen.
Das müssen diese Unternehmen mit Transformationsplänen und Umsetzungsmaßnahmen nachweisen. Auch wir haben einen Transformationsplan mit Zwischenzielen bis 2030 und berichten jedes Jahr darüber. Außerdem werden unsere Nachhaltigkeitsangaben im Geschäftsbericht extern mit der höchsten Prüfsicherheit testiert. Mit einer solchen Erweiterung des Lösungsraums generiert man nicht zuletzt neues Vertrauen.
Jeder kann von außen nachvollziehen: Machen die das wirklich?
„Klimaschutz entsteht aus Wettbewerbsfähigkeit.“
Thallinger: Es gibt sie ja nicht überall, die politische Landschaft ist sehr vielfältig. Großbritannien und Spanien haben gerade gemeinsam mitgeteilt, dass der Klimanotfall auch ein Sicherheitsnotfall sei. China, Texas und Kalifornien machen Solar- und Windenergie, Batteriespeicher und intelligentes Energiemanagement zum Kernbestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung.
Indien springt in die erneuerbare Infrastruktur regelrecht hinein und wird eine fossile Infrastruktur, wie sie andernorts als Altlast üblich ist, gar nicht erst aufbauen - eine spezielle Form von Wettbewerbsvorteil. Alle Wirtschaftsräume versuchen, die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts zu schaffen, weil das die Wettbewerbsfähigkeit definiert. Klimaschutz ergibt sich aus der Wettbewerbsfähigkeit.
Diese Entwicklung müssen wir in Europa und besonders in Deutschland endlich viel stärker aufnehmen. Aber ja: Manche politische Akteure denken noch im kleinen Lösungsraum.
Thallinger: Das sehen wir nicht als Entweder-oder. Während wir zunehmend in Klimaschutz- und Transformationslösungen investieren, begleiten wir als langfristiger Investor zugleich Unternehmen auf ihrem Weg zur Dekarbonisierung.
Man sollte allerdings nicht darauf setzen, dass die Kapitalmärkte große Probleme lösen, die es für sie eigentlich nicht gibt. Regierungen müssen wie beim CO₂-Preis auch andere Risiken zum Marktfaktor machen, damit sie adressiert werden können.
Thallinger: Biodiversität ist eine große Herausforderung, denn leider können wir sie nicht so leicht messen und quantitativ darstellen wie Treibhausgasemissionen.
Das ist aber nun mal notwendig, damit sich andere Unternehmensentscheidungen rechnen. Ich weiß, dass ich mit dieser Aussage niemanden besonders begeistern kann, aber deshalb haben wir dafür noch keine konkreten Programme, die mit jenen beim Klimaschutz vergleichbar wären.
Thallinger: Es stimmt, dass man vieles sofort umsetzen kann, und wir sind hier auch aktiv. Ein Wald brennt nicht so leicht, wenn die Vielfalt seiner Vegetation für ausreichend Feuchtigkeit und Kühlung sorgt.
Ähnliches gilt für Böden und mit ihnen die Erneuerung des Grundwassers. Teilweise werden diese Probleme durch die Klimapolitik adressiert. In weniger heißen Sommern trocknen Wälder und Böden nicht so schnell aus. Das stärkt ihre Funktion als natürliche CO₂-Speicher.
Wenn wir zudem den Lösungsraum vergrößern, indem wir zum Beispiel Daten zu Ökosystemleistungen in einer Art Naturkataster erfassen, dann erkennen wir den Systemzusammenhang, können darüber diskutieren und beginnen, passend zu steuern.
Thallinger: In großen Veränderungsprozessen bewegen sich nicht alle Akteure gleich schnell. Aber vieles geht in die richtige Richtung: Finanzdienstleister tragen heute zur wirtschaftlichen Transformation bei. Nachhaltigkeit ist inzwischen bei vielen Unternehmen in die Entscheidungsprozesse integriert.
Ziele bis 2030 sind kommuniziert. Technische Möglichkeiten, unser Wissen über die Herausforderungen und die Bereitschaft zu handeln haben sich sehr vergrößert. Das alles gibt mir Hoffnung.
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Letzte Aktualisierung: 7. August 2026
Der Allianz Konzern ist einer der weltweit führenden Versicherer und Vermögensverwalter, aktiv in fast 70 Ländern, mit rund 97 Millionen Privat- und Firmenkundinnen und -kunden*. Unsere Kundinnen und Kunden profitieren von einem breiten Angebot an Privat- und Unternehmensversicherungen, darunter Sach-, Lebens- und Krankenversicherungen sowie Assistance-Dienstleistungen, Kreditversicherungen bis hin zur globalen Industrieversicherung. Bereits zum siebten Mal in Folge wurde Allianz im Interbrand Ranking ‚Best Global Brands 2025' als weltweit führende Versicherungsmarke ausgezeichnet. Dieser Erfolg basiert auf einer technologiegestützten Kundenfokussierung – wir bieten unseren Kundinnen und Kunden Sicherheit, Schutz und Prävention und stärken die Resilienz von Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften. Wir sind einer der weltweit größten Investoren und betreuen im Auftrag unserer Versicherungskundinnen und -kunden ein Investmentportfolio von etwa 791 Milliarden Euro**. Zudem verwalten unsere Asset Manager PIMCO und Allianz Global Investors etwa 2,2 Billionen Euro** für Dritte. Dank unserer systematischen Integration von ökologischen und sozialen Kriterien in unseren Geschäftsprozessen und Investitionsentscheidungen haben wir ein ‚AAA‘ ESG-Rating von MSCI (Stand: März 2026). 2025 erwirtschafteten unsere 156.000 motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Konzern einen Umsatz von 186,9 Milliarden Euro und erzielten ein operatives Ergebnis von 17,4 Milliarden Euro für unsere Aktionärinnen und Aktionäre.
* Stand: 31. Dezember 2025. Die Kundenanzahl spiegelt nur die Allianz Kundinnen und Kunden in konsolidierten Unternehmen wider, die zum Umfang der Kundenberichtserstattung gehören.
** Stand: 30. Juni 2026.